Es ist 7.15 Uhr in der Caritas-Werkstatt in Lünen-Brambauer. Sarah Soballa setzt wie jeden Morgen Wasser auf, kocht Tee und Kaffee für die Gruppe und öffnet ein Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Wenig später kommen die ersten Beschäftigten. Gegen 7.40 Uhr beginnt der Tag. Sarah Soballa ist 40 Jahre alt und arbeitet hier als Gruppenleitung. Gemeinsam mit einer Kollegin begleitet sie neun Menschen mit Behinderung durch den Arbeitsalltag: Aufgaben erklären, unterstützen, strukturieren. Manchmal gehört auch Pflege dazu, etwa bei Toilettengängen oder beim Waschen.
Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind Orte, an denen Menschen arbeiten können, für die der erste Arbeitsmarkt oft zu große Hürden bereithält. Gleichzeitig geben sie Struktur: raus aus dem Wohnheim oder von zuhause, gemeinsam arbeiten, Geld verdienen, Kontakte knüpfen. Hier entstehen Freundschaften – manchmal auch Beziehungen.
Nach der Morgenrunde und dem gemeinsamen Frühstück wird gearbeitet. Die Aufgaben sind bewusst ruhig und organisiert: Knoten machen, Schleifen binden, Dinge nach Farben oder Größen sortieren. Nach dem Mittagessen folgt eine Pause. Wenn noch Kraft da ist, wird am Nachmittag weitergearbeitet.
Was Sarah Soballa an ihrer Arbeit besonders mag, ist die Wertschätzung, die sie zurückbekommt. „Ich werde hier gebraucht“, sagt sie. Die Hilfe werde dankbar angenommen, der Umgang miteinander sei herzlich – fast wie in einer Familie. Natürlich gibt es auch herausfordernde Momente. Die Pflege zum Beispiel. „Das ist nicht das Schönste an der Arbeit“, sagt sie offen. „Aber es gehört dazu.“ Wichtig sei vor allem, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.
Neben der Arbeit gibt es besondere Angebote für die Beschäftigten. Einmal pro Woche wird eine „Traumreise“ angeboten. Dann versammeln sich rund zehn Beschäftigte in der Turnhalle, hören ruhige Musik und Sarah Soballa liest eine Geschichte vor. Andere Kolleginnen organisieren einen Buchclub, sprechen über Themen wie Sexualität oder bieten Bewegungsangebote an. „Nachdem die Beschäftigen diese Angebote wahrgenommen haben, sind es manchmal ganz andere Menschen“, sagt sie strahlend.
Nach Feierabend geht es zurück ins Geistviertel. Dort lebt sie zusammen mit ihrer Tochter Emilia in einer WBG-Wohnung, die für sie mehr ist als nur ein Zuhause. Sarah Soballa ist hier aufgewachsen: Ihre Oma wohnte im Erdgeschoss, darüber lebte sie mit ihren Eltern. Als sie später selbst auszog, fand sie eine Erdgeschosswohnung mit Garten nur wenige Häuser weiter. Als ihre Eltern älter wurden und das Treppensteigen schwerer fiel, tauschten sie 2024 die Wohnungen. Heute lebt sie wieder dort, wo sie ihre Kindheit verbracht hat. Die Wohnung ist seit rund 40 Jahren „in Familienbesitz".
Auf die Frage, was sie sich für ihre Arbeit wünscht, antwortet sie schlicht: „Keinen besonderen Respekt – sondern den gleichen Respekt, den jeder Beruf verdient.“ Für sie ist die Werkstatt vor allem eines: eine Chance. Ein Ort, an dem Menschen mit Behinderung arbeiten, dazugehören und ihren Platz im Alltag finden können. Sarah Soballas Platz ist in der Werkstatt: Und so wird sie auch am nächsten Morgen wieder um 7.15 Uhr in der Werkstatt stehen, Tee und Kaffee aufsetzen und die Fenster öffnen.